Die unsichtbare Last: Mentale Gesundheit im Spitzensport und im Büro
Psychische Erkrankungen bleiben Spitzenreiter, wenn es um Berufsunfähigkeit geht – im Büro genauso wie im Spitzensport. Während die Zahlen aus der Arbeitswelt alarmierend steigen, zeigt der Blick in den Leistungssport, dass auch dort psychische Krisen längst zum Alltag gehören und dennoch oft im Verborgenen bleiben.
Psyche als Hauptgrund der Berufsunfähigkeit
Eine aktuelle Auswertung der Debeka macht deutlich, dass psychische Erkrankungen 2024 die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit waren: Rund 45 Prozent aller neuen Fälle gehen auf Depressionen, Angststörungen oder Burnout zurück – nahezu jede zweite Berufsunfähigkeitsrente hat damit eine seelische Ursache.
Auf den folgenden Plätzen liegen mit deutlichem Abstand bösartige und gutartige Neubildungen mit etwa 14 Prozent sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates mit rund zehn Prozent. Auch brancheneigene Zahlen bestätigen dieses Bild: Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft berichtet, dass etwa 80 Prozent aller Anträge auf Berufsunfähigkeitsrente bewilligt werden und psychische Störungen bei vielen großen Versicherern wie Allianz, Alte Leipziger oder DBV an der Spitze der Leistungsgründe stehen.
Warnsignale aus der Arbeitswelt
Gesetzliche Krankenkassen registrieren parallel einen massiven Anstieg seelisch bedingter Fehltage. Die AOK meldet in den vergangenen zehn Jahren eine Zunahme der Ausfalltage wegen psychischer Erkrankungen um rund 43 Prozent, mit durchschnittlich knapp 28,5 Krankheitstagen pro Fall. Die DAK berichtet für 2024 von 342 Fehltagen durch psychische Leiden pro 100 Beschäftigte, davon entfallen allein 183 Tage auf Depressionen – ein Plus von rund 50 Prozent gegenüber früheren Jahren. Die KKH verzeichnet einen Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten auf etwa 392 Tage pro 100 Mitglieder, den höchsten Wert seit 2017. Nach Schätzungen der DGPPN entfielen 2023 bereits etwa 16 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage bundesweit auf psychische Störungen – ein deutliches Signal für die wachsende Belastung von Beschäftigten.
Die unsichtbare Krise im Spitzensport
Auch im Leistungssport sind psychische Erkrankungen weit verbreitet, werden aber lange kompensiert oder verschwiegen. Studien zeigen, dass bei aktiven Elite-Athletinnen und -Athleten bis zu rund ein Drittel unter Symptomen von Angststörungen oder Depressionen leidet, während nahezu ein Fünftel problematischen Alkoholkonsum aufweist. Bei ehemaligen Spitzensportlern finden sich Belastungsreaktionen und Depressions- oder Angstsymptome bei etwa einem Viertel der Befragten. Für Deutschland wird berichtet, dass etwa 13 Prozent der Leistungssportler depressive Symptome zeigen; eine Befragung der Stiftung Deutsche Sporthilfe kam zudem zu dem Ergebnis, dass etwa ein Drittel der Spitzensportler von einer psychischen Erkrankung betroffen ist, darunter knapp zehn Prozent mit diagnostizierter Depression und gut elf Prozent mit Burnout.
Gesichter der Krise: Von Osaka bis Hannawald
Dass mentale Probleme kein Randphänomen, sondern mitten in der Welt des Spitzensports angekommen sind, zeigen prominente Fälle. Die Tennisspielerin Naomi Osaka spricht seit Jahren offen über Depressionen und Angstzustände, die sie 2018 erstmals öffentlich machte. Turnstar Simone Biles zog sich bei den Olympischen Spielen 2021 aus mehreren Wettkämpfen zurück, weil der psychische Druck ihre Gesundheit gefährdete. Schwimmlegende Michael Phelps berichtete nach den Olympischen Spielen 2012 von Suizidgedanken und tiefen depressiven Phasen trotz äußerem Erfolg. Im deutschsprachigen Raum steht der ehemalige Skispringer Sven Hannawald sinnbildlich für die Folgen extremer Dauerbelastung: Nach Triumphzügen wie dem Sieg bei der Vierschanzentournee 2002 entwickelte er einen schweren Burnout mit mittelschwerer Depression, erlitt Suizidgedanken und beendete 2004 seine aktive Karriere.
Dramatische Zuspitzung im Profifußball
Besonders eindrücklich zeigt der Profifußball, wie tödlich die Kombination aus Leistungsdruck, Stigma und unbehandelter Depression sein kann. Nationaltorwart Robert Enke litt über Jahre an einer schweren depressiven Erkrankung und nahm sich am 10. November 2009 im Alter von 32 Jahren das Leben. Seine Frau Teresa Enke schildert, er habe sich gefühlt, als lebe er in einem „schwarzen Loch“, und aus Angst vor den Folgen für Karriere und Familie eine intensivere stationäre Behandlung immer wieder gescheut. Sein Tod wirkte wie ein Schock für den Fußball und die Gesellschaft – und machte zugleich schmerzhaft sichtbar, wie hoch die psychische und gesellschaftliche Belastung ist, wenn mentale Krisen im Spitzensport zu lange im Verborgenen bleiben.
Warum steigt die unsichtbare Krankheit?
Psychische Erkrankungen als Ursache für Berufsunfähigkeit nehmen zu – ein Trend mit zwei Gesichtern: Einerseits sorgen bessere Diagnostik und sinkende Stigmatisierung dafür, dass Depressionen oder Burnout heute offener erkannt und benannt werden, statt wie früher tabuisiert zu bleiben. Andererseits häufen sich Arbeitsplatzbelastungen wie Zeitdruck bei 51 Prozent der Beschäftigten, Überlastung und Personalmangel durch den demografischen Wandel, die den Stresspegel dauerhaft anheben und psychische Störungen begünstigen.
Veränderte Arbeitswelt und Krisen
Die fortschreitende Digitalisierung verändert nicht nur Arbeitsprozesse, sondern auch die psychische Belastung vieler Beschäftigter. Ständige Erreichbarkeit, zunehmende Bürokratie und globale Krisen wie Pandemie oder Inflation setzen Menschen zunehmend unter Druck und fördern emotionale Erschöpfung. Gleichzeitig wächst bei vielen die Sorge, durch Künstliche Intelligenz oder automatisierte Systeme überflüssig zu werden – ein Gefühl, das mit dem Verlust von Kontrolle, Wertschätzung und beruflicher Sicherheit einhergeht. Diese technologisch bedingte Unsicherheit verstärkt das Stresserleben zusätzlich. Hinzu kommen private Risikofaktoren wie Mobbing, Perfektionismus oder eine unausgeglichene Work-Life-Balance, die den Kreislauf aus Anspannung, Überforderung und Krankheit weiter antreiben.
Im Sport: Druck auf Hochtouren
Ähnliche Muster zeigen sich im Leistungssport, wo allgemeine Belastungen durch spezifische Extremfaktoren explodieren: extremer Leistungsdruck, Wettkampfmarathons, fehlende Regeneration, Vertragsunsicherheiten und gnadenlose öffentliche Bewertung in Medien und Social Media. Hohe Erwartungen von Trainern, Eltern, Verbänden und Sponsoren, frühe Spezialisierung, Verletzungsängste, Übertrainingsfolgen sowie geringe Autonomie im Alltag verstärken dies – gepaart mit einem hartnäckigen Stigma, das vor allem junge Athleten und Athletinnen von früher Hilfe abhält.
Die Milliardenlast der Psyche
Psychische Erkrankungen belasten nicht nur Betroffene, sondern die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft massiv – mit steigenden Kosten, die sich auf Gesundheitswesen, Produktivität und Sozialsysteme auswirken.
Direkte Kosten im Gesundheitswesen
Die Ausgaben für psychische Störungen explodieren: 2020 machten sie allein 56,4 Milliarden Euro aus, rund 13 Prozent aller Krankheitskosten und nur von Herz-Kreislauferkrankungen übertroffen. 2023 trugen sie gemeinsam mit Herz-Kreislauf-Problemen zu 26 Prozent der Gesamtkosten von 491,6 Milliarden Euro bei, mit jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben von etwa 680 Euro pro Einwohner – Frauen verursachen dabei 22,5 Prozent höhere Kosten als Männer.
Indirekte wirtschaftliche Schäden
Produktivitätsverluste durch Fehlzeiten und Frühverrentungen sind gigantisch: 2021 beliefen sich Ausfallkosten auf 15,8 Milliarden Euro, ein Plus von 70 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Jährlich gehen durch psychische Erkrankungen mehr als 17 Milliarden Euro Produktion verloren; 2015 summierten sich die Gesamtkosten auf 147 Milliarden Euro oder fünf Prozent des BIP. Hochgerechnet entstehen bundesweit rund 350 Millionen verlorene Arbeitstage pro Jahr.
Gesellschaftliche Folgen
Das Sozialsystem ächzt unter steigenden Rentenansprüchen und Pflegebedarf. Stigmatisierung sowie sozioökonomische Risiken wie Armut oder Arbeitslosigkeit treiben das Problem an, behindern Teilhabe und Wachstum. Langfristig drohen Personalmangel in Schlüsselbranchen und höhere Steuerlasten für Prävention und Versorgung.
Prävention und Maßnahmen
Prävention wirkt wie ein Doppelanker: Sie schützt sowohl Athlet:innen als auch Beschäftigte vor Überlastung – und sie ist ökonomisch sinnvoll. Im Sport wie im Beruf geht es darum, psychische Gesundheit systematisch mitzudenken statt nur akute Krisen zu „löschen“.
Präventive Maßnahmen im Sport
Prävention psychischer Erkrankungen im Sport setzt idealerweise früh an und kombiniert individuelle mit strukturellen Maßnahmen. Programme wie „MentalGestärkt“ oder „Athletes in Mind“ zeigen, wie wichtig Aufklärung, Entstigmatisierung und niedrigschwellige Zugänge zu sportpsychologischer und psychotherapeutischer Unterstützung sind; dazu gehören geschulte Trainer:innen, feste Vertrauenspersonen im Verein, klare Notfall- und Verweisketten sowie die systematische Berücksichtigung mentaler Gesundheit bei Talentauswahl und Kaderbetreuung. Auf Ebene der Athlet:innen gelten psychologisches Fertigkeitstraining (Emotionsregulation, Stress- und Coping-Kompetenzen), achtsamkeitsbasierte Programme und Ansätze der Positiven Psychologie als wirksam, insbesondere wenn sie mit gesundheitsförderlichen Rahmenbedingungen verknüpft werden – etwa realistischen Leistungszielen, Schutz vor Überlastung und Übertraining, ausreichender Regeneration sowie der aktiven Förderung von Dual-Career-Modellen im Sinne von „Sport plus Ausbildung/Beruf“.
Hier finden Sie Angebote zur Stärkung mentaler Gesundheit für Sportler:innen.
Präventive Maßnahmen im beruflichen Kontext
Im Berufsleben sind Arbeitgeber rechtlich und moralisch in der Pflicht, psychische Gesundheit zu schützen. Zentral ist die Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz, die ausdrücklich auch psychische Belastungen wie hohen Zeitdruck, emotionale Anforderungen oder soziale Konflikte erfassen und regelmäßig aktualisieren muss; werden Risiken sichtbar, sind passende Schutzmaßnahmen gemeinsam mit Fachkräften und Betriebsärzten umzusetzen.
Über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus lohnt sich betriebliche Gesundheitsförderung auch wirtschaftlich: Psychische Erkrankungen verursachen hohe Ausfallkosten, während gezielte Prävention Fehlzeiten deutlich senken, Mitarbeiterbindung stärken und Fachkräftemangel abfedern kann. Studien zeigen, dass jeder investierte Euro in Gesundheitsprogramme sich im Idealfall zwei- bis zehnfach durch geringere Krankheitskosten, höhere Produktivität und weniger Fluktuation auszahlen kann – etwa durch Führungskräftetrainings zu gesundem Führen, Resilienz- und Stressmanagement-Workshops, psychosomatische bzw. psychologische Sprechstunden, flexible Arbeitszeit- und Homeoffice-Modelle sowie ein Klima, in dem Überlastung früh angesprochen werden darf, bevor sie krank macht.
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Weiterführende Literatur und Quellen:
- Debeka: https://www.debeka.de/ueberuns/pressemeldungen/2022/psyche-bleibt-hauptgrund-f-r-berufsunf-higkeit.html
- DAK: https://www.dak.de/presse/bundesthemen/umfragen-studien/psychische-erkrankungen-in-der-arbeitswelt-2024-verursachten-depressionen-erneut-die-meisten-fehltage_131626
- DRV-Bund, Pressemitteilungen: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/Bund/DE/Presse/Pressemitteilungen/pressemitteilungen_archive/2021/2021_11_30_psych_erkrankungen_erwerbsminderung.html
- Robert Enke Stiftung: https://www.robert-enke-stiftung.de/projekte/depression-im-leistungssport
- Athletes in Mind: https://www.athletes-in-mind.de/
- Mental Gestärkt: https://www.dshs-koeln.de/mentalgestaerkt/
- RKI:https://www.gbe.rki.de/DE/Themen/Gesundheitszustand/PsychischeStoerungen/PsychischeStoerungenInsgesamt/PsychischeStoerungenAdministrativePraevalenz/psychischeStoerungenAdminPraevalenz_node.html?darstellung=0&kennzahl=1&zeit=2024&geschlecht=0&standardisierung=0
- Basisdaten zu psychischen Erkrankungen: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), 2025.
- Markser, V. Z., & Bär, K. J. (2019). Seelische Gesundheit im Leistungssport: Grundlagen und Praxis der Sportpsychiatrie. Klett-Cotta.